MA - NEGATIVER RAUM

P E N S É E S

MA ist das japanische Wort für Leere, Abstand, Pause, Zwischenraum. In der Architektur ist der Raum zwischen zwei Pfeilern oder Tischbeinen gemeint. Es ist kein offener, aufgehender Raum, sondern ein „eingesperrter“ Raum, der begrenzt ist, eingerahmt. Er ist immer auf das bezogen, was ihn begrenzt.

Da ist nichts, in diesem negativen Raum. Aber ist ein Nichts, das klar begrenzt ist und einen gewissen Raum hat, wirklich nichts? „Auch die Pause gehört zur Musik“, sagte Stefan Zweig. Und der Tisch wäre keiner mehr, gäbe es nicht den negativen Raum zwischen seinen Beinen. 

Auch die Pause gehört zur Musik.

STEFAN ZWEIG

Das Schnittbild von Lucio Fontana, dem Begründer des Spatialismus – einer Kunstbewegung, die die Zweidimensionalität von Werken aufbrechen will – thematisiert diesen negative Raum doppelt. Da sind einerseits die brutal wirkenden Schnitte, die in ihrer Essenz Nichts sind: Sie haben keine Materie und sind daher Nicht-Materie, die Materie aufbrechen oder unterbrechen. Sie scheinen etwas auszuatmen, Druck abzugeben, und das regt sie auf – deshalb bäumen sie sich auf, lassen die Materie seitlich anschwellen, erzeugen Schatten und machen aus zwei Dimensionen drei. Gleichzeitig sind sie, obwohl „nur“ Nicht-Materie, sichtbarer als die angreifbare, feste Leinwand. Sie sind es, die im ersten Moment wahrgenommen werden. Was ist zu sehen, auf dem Bild? Acht saubere Schnitte, könnte man sagen. Man könnte aber auch sagen: eine dunkelweiße Leinwand, unterbrochen von acht Schnitten; denn die Leinwand ist immerhin ein Etwas, eine Sache, und von ihr ist auch mehr da.

Andererseits ist da, auf diesem aufgeschlitzten Bild, der Abstand zwischen den Schnitten, der eher als negativer Raum wahrgenommen wird als die Schnitte selber. Ist es das, was es ist? Ein Nichts zwischen Nichts? Und: Wären die Schnitte von der Fläche her größer als die Leinwand, wären dann sie die negativen Räume? Was ist hier negativer Raum, und was nicht?

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