DAS ZWISCHEN

P E N S É E S

Wenn inmitten von Materie plötzlich ein Bruch ist, nur mit dunkler Luft gefüllt, dann ist das weitaus mehr als da wäre, wenn diese Unterbrechung nicht wäre. Wie eine Wunde zieht dieser mit einem Zwischen gefüllte Raum alle Blicke auf sich. Wäre der Kubus vollständig, wer würde ihn überhaupt wahrnehmen? Erst das Nichts in ihm macht ihn zu Etwas, das Interesse (inter-esse: lat. für dazwischen-sein) hervorruft. „Das Zwischen hat kein ‚Sein’, kein An-Sich, kein Wesen, nichts Eigenes. Genauer gesagt: Das Zwischen ‚ist’ nicht. Damit ist es jedoch keineswegs neutral oder, anders ausgedrückt, unwirksam,“ sagt der Philosoph François Jullien. Das Zwischen ist laut, es wirkt und irritiert, es provoziert, erzeugt Unruhe im Betrachter. Es stellt Fragen, die nach Antworten verlangen – niemals sind sie gleich.

Indem er sich öffnet, lässt der Abstand ein anderes Mögliches entstehen. Er erlaubt es uns, Ressourcen zu entdecken, die wir bislang nicht in Betracht gezogen, ja nicht einmal vermutet haben.

FRANÇOIS JULLIEN

Zwischen: das impliziert auch immer das Vorhandensein von Grenzen oder Dingen, zwischen denen es sein und wirken kann. Ein Abstand braucht Pole, ein Oben und Unten, ein Links und Rechts, ein Vorne und Hinten. Er erzeugt Spannung, und in dieser Spannung liegt Fruchtbarkeit: Aus Nichts kann, oder MUSS, etwas Neues entstehen, denn die Spannung ist nur als temporäre zu ertragen. Wäre sie immer da und würde sie nirgendwo hinführen, würde sie gar nicht provozieren, dann hätte sie keinen Grund, überhaupt zu sein. Sie will gehört, gesehen, gespürt werden, sie fordert die Beschäftigung mit sich sein, von jemandem, der sich irritiert fühlt, dem sie zuflüstert: Mach was aus mir, erlöse mich. Sie will übersetzt werden, alles andere ist unerträglich. Erträglich wird sie nur, wenn sie zu etwas Anderem transformiert wird, denn das ist der Grund ihrer Existenz. „Indem er sich öffnet, lässt der Abstand eine anderes Mögliches entstehen. Er erlaubt es uns, Ressourcen zu entdecken, die wir bislang nicht in Betracht gezogen, ja nicht einmal vermutet haben,“wie Jullien sagt.


Literaturempfehlung:

- Francois Jullien: Vom Sein zum Leben

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