DAS INDIVIDUELLE, DAS ANTI-UNIVERSELLE

P E N S É E S

„Alles Individuelle, Unvollständige, Vielfältige wird als bloß vorläufig, vordergründig und unzulänglich hingestellt“, schrieb der österreichisch-britische Philosoph Sir Karl R. Popper und meinte damit, dass Pluralität und Individualität in totalitären Systemen, die nach Einheit und Ganzheit streben, als Bedrohung wahrgenommen werden würden. Ein anderer Philosoph, François Jullien, nannte „das Universelle“ als Basis solcher geschlossenen Systeme: „Das Universelle betrachtet sich als vollständig, als endgültig erreicht und fragt nicht länger danach, ob möglicherweise etwas fehlt; es ruht sich in seiner Positivität aus und sieht keinerlei Anlass, noch weiter fortzuschreiten. Es setzt nichts mehr in Gang.“ Ein statisches, zum Stillstand verurteiltes Universelles: Da geschieht nichts mehr.

Schöne neue Welt - genormt, bespaßt, verwaltet; eine Bürgerherde.

JULI ZEH

Offene Gesellschaften brauchen Individuelles, denn nur so kann Pluralität entstehen. Was ist dieses Individuelle, was tut es? Es ist nicht-statisch, immer in Bewegung, in ständigem Wandel, sich abhebend vom Uniformen, sich stets in Frage stellend: Nur so entsteht Neues, nur so entkommt man dem, was die Autorin Juli Zeh in ihrem Buch „Unterleuten“ als „schöne neue Welt - genormt, bespaßt, verwaltet; eine Bürgerherde“ bezeichnet hat.  

Wo findet man sein Individuelles, das zu Pluralität, zu Offenheit, und dann zu Neuem führt? Oft liegt es im Abstand, im „aktiven, erfinderischen Zwischen“ (siehe Beitrag „Zwischenräume“), und immer liegt es außerhalb des Uniformen, außerhalb der Herde, die nie „Warum?“ fragt. 


Literaturempfehlungen

- Sir Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde
- Francois Jullien – Es gibt keine kulturelle Identität
- Julia Zeh, Unterleuten

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