RESONANZ

P E N S É E S

„Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“, schrieb einst der französische Lyriker Blaise Pascal. Alleine in einem Zimmer, ganz ohne Reize und Einflüsse von außen auf sich selbst gestellt zu sein, das macht Angst. Aber nicht nur – viele sehnen sich mittlerweile nach diesem Sich-Ausklinken, nach Stille, nach Entschleunigung. Retreats und Sabbaticals sind beliebter denn je, ganz im Sinne der Worte des Dichters Ernst Ferstl: „Zeit, die wir uns nehmen, ist Zeit, die uns etwas gibt.” Ist Entschleunigung die Antwort auf das Rasen und die Schnelligkeit des Lebens? Sollten wir mehr Zeit alleine in Zimmern verbringen? Oder ist diese Auszeit dann auch nur ein weiteres Event in einem durchgetakteten Leben?

Statt gemächlich herumzuwandern, eilt man von einem Ereignis zum anderen, von einer Information zur anderen, von einem Bild zum anderen.

BYUNG-CHUL HAN

„Entschleunigung ist nicht die Lösung”, findet der Soziologe Hartmut Rosa, denn „kaum jemand findet Langsam-Sein als Selbstzweck gut“. Sie sei nur die Rückseite der Medaille, auf deren Vorderseite Beschleunigung steht. Aber was ist dann die Lösung? Eine andere Weltbeziehung, findet Rosa – er nennt sie Resonanz. Resonanz geschieht dann, wenn man durch etwas anderes bewegt und berührt wird. Wenn ein anderer Mensch, ein Kunstwerk, eine Melodie oder die Natur etwas in einem zum Schwingen bringen, sodass sie einen selbst dadurch verändern. Resonanz ist eine gelingende Begegnung, das Gegenteil einer Weltbeziehung, die sich durch Entfremdung charakterisiert. Um Resonanz zu spüren, muss man sich einlassen auf das potentiell Resonanz-erzeugende Gegenüber – und das Hasten und Eilen sein lassen, dann im Stress, da schwingt gar nichts mehr. 

Mit dem „neuen Vagabundieren” schlägt der Philosoph Byung-Chul Han schlägt einen ähnlichen Weg vor: „Statt gemächlich herumzuwandern, eilt man von einem Ereignis zum anderen, von einer Information zur anderen, von einem Bild zum anderen. (…) Der heutigen Gesellschaft fehlt aber nicht nur die Gemächlichkeit des Flanierens, sondern auch die schwebende Leichtigkeit des Vagabundierens.“ Er lobt die Leere zwischen den Ereignissen, die er als „leeres Intervall, in dem sich nichts ereignet, keine ‚Sensation‘ stattfindet“, bezeichnet – ein fruchtbares oder „aktives, erfinderisches“ (François Jullien) Zwischen, in dem Neues geboren werden kann – eine Zeit des Verweilens, des Sich-Treiben-Lassens, des Einfach-nur-Herumsitzens, wie in Loriots Sketch „Feierabend“. Oder, wie es der Schriftsteller Sten Nadolny ausdrückt: „Ich bin jetzt darauf eingestellt, Zeit vergehen zu lassen und auf ein Wunder zu warten. Wer das tut, verhält sich friedlich und bleibt doch wach genug, um nichts zu verpassen.“


Literaturempfehlung:

- Hartmut Rosa – Resonanz
- Francois Jullien – Vom Sein zum Leben
- Byung-Chul Han - Vom Duft der Zeit


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