DIE MASKE

P E N S É E S

Was die Maske für den einen ist, ist sie für die andere nicht: Der eine verwendet sie, um sich zu verstecken oder zu schützen, die andere, um etwas sichtbar zu machen, was sie als wesentlich empfindet. So kann die Maske – in dem Fall die sichtbare Maske, die aufgesetzt wird – die ‚wahre’ Identität entweder verbergen oder verdeutlichen. Sie lässt einen, von einem Moment auf den anderen, in eine Rolle schlüpfen, in der man anders sein darf und sich vielleicht Dinge erlaubt, die man sonst – weil man ja ein guter Mensch sein will – verdrängt. Wobei es nicht immer um Gutsein geht – es kann auch der Wunsch dahinterstehen, mal ein anderer zu sein, eine andere. 

Eine Maske zieht alle Aufmerksamkeit auf sich, wenn sie von einem Einzelnen getragen wird, und sie verschwindet in der Masse, wenn sie von allen getragen wird.

‚Wer die Anonymität liebt, hat vieles zu verbergen’, sagte der Publizist Franz Schmidberger. Man denke an den Maskenball in Arthur Schnitzlers Traumnovelle, wo Fridolin, der Hauptprotagonist, mit dem Aufsetzen der Maske sein soziales Ich und jegliche Scham ablegt und sich von seinen Trieben lenken lässt. Aber die Maske wird auch von Menschen aufgesetzt, die von sich selber ablenken oder anonym bleiben wollen, um den Fokus auf etwas Anderes zu legen – wie die Kunst, die sie machen; man denke an die Metal-Band Slipknot, an Marilyn Manson.

Eine Maske zieht alle Aufmerksamkeit auf sich, wenn sie von einem Einzelnen getragen wird, und sie verschwindet in der Masse, wenn sie von allen getragen wird, wie es zum Beispiel die Anhänger der Occupy-Wallstreet-Bewegung tun, oder wie es im Fasching geschieht. Vielleicht sind die unsichtbaren Masken auch deshalb unsichtbar?

Die unsichtbaren Masken, die wir tragen, bewusst oder unbewusst. Die Rollen, die wir im Leben annehmen oder glauben, annehmen zu müssen und bei denen uns die Maskenhaftigkeit oft gar nicht bewusst ist. ‚Wer nicht weiß, dass er eine Maske trägt, trägt sie am vollkommensten’, hat der Schriftsteller Theodor Fontane gesagt.

Eine andere Form der Maskierung, die sich zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit ansiedelt, ist die Kleidung. Sie ist die Maske für den Körper, die sagt: Ich will so oder so wahrgenommen werden. Man zeigt sich so, wie man gesehen werden will, und im Idealfall entspricht das, was man trägt, Aspekten des Inneren, die nach außen gekehrt werden. ‚Every morning when you wake up you put on a new disguise’, singt Gil Scott-Heron in ‘When you are who you are’.

Lange kann niemand eine Maske tragen. Was nur erheuchelt ist, fällt bald in seine Natur zurück.

SENECA

Dann ist wohl die Maskenball-Maske eine sichtbare, die man über der unsichtbaren trägt – es ist also eine Art doppelte Maskierung. ‚Nach dem Fasching ist dann wieder Maskenzwang’, sagte der deutsche Philosoph Manfred Hinrich, als wäre es nicht möglich, keine Maske zu tragen. Aber ist es das? Ist es möglich, ganz und gar echt zu sein? Ist es wirklich so, wie der römische Philosoph Seneca sagte: ‚Lange kann niemand eine Maske tragen. Was nur erheuchelt ist, fällt bald in seine Natur zurück.’?

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