Radikal eigensinnig - Eine Begegnung mit Johnny Rotten

Lesezeit: 6 Minuten
Johnny Rotten und Toni Rotbart-Woldrich von eigensinnig wien beim Fitting für die Bühnenoutfits

Zu Besuch im Wohnzimmer der Punk-Ikone

Ein Glas stilles Wasser und maßgeschneiderte Bühnengarderobe für Public Image Ltd.

Es beginnt oft mit einer Irritation, einer plötzlichen Dissonanz im Grundrauschen des Alltags. Als dieser Name zum ersten Mal in der Übersicht unserer Online-Bestellungen auftauchte, glaubte ich kurz an einen Scherz. John Lydon aka Johnny Rotten. Ehemaliger Frontmann der Sex Pistols. Der Mann, der einst in der Mode von Vivienne Westwood das verkrustete Musikbusiness lustvoll dekonstruierte und eine ganze Industrie auf den Kopf stellte. Ein kompromissloser Querkopf, ein Anarchist, dessen Aufbegehren selbst Neil Young derart befeuerte, dass er ihm die unvergessene Songzeile widmete: „The king is gone but he’s not forgotten / This is the story of a Johnny Rotten.“ Und nun tourt dieser Pionier der radikalen Eigensinnigkeit mit jungen 70 Jahren unermüdlich mit seiner Band Public Image Ltd. durch die Welt – und sucht nach Kleidung auf meiner Website.

Der erste Kontakt hatte schon eine gewisse humorvolle Absurdität in sich. Er hatte einen Anzug bestellt, die Hose in 4XL, die dazugehörige Jacke jedoch in L. Mein erster Gedanke, schmunzelnd: Das konnte nicht stimmen. Ich verfasste eine E-Mail, unaufgeregt, und fragte nach, ob er sich mit diesen Dimensionen denn wirklich sicher sei. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. „I am a 4XL-Type-of-Guy“, schrieb er zurück – und aus diesen wenigen Worten sprach eine so wunderbare, entwaffnende Selbstironie. Er bedankte sich für meine Wachsamkeit, nicht etwa distanziert oder kühl, sondern mit jenem feinen, britischen Schalk, der sofort verriet: Hier nimmt jemand die Kleidung absolut ernst, aber niemals sich selbst. Es war ein leises Augenzwinkern, ein unerwarteter Anflug von Komik, der die Distanz zwischen uns sofort schmelzen ließ. Ich antwortete, schlug mutig in genau diese humorvolle Kerbe und baute unsere erste kleine Ironie-Brücke zwischen Wien und London: „Gerne. Ich habe mir schon gedacht, dass Sie keine Figur wie ein Weihnachtsbaum haben.“

So begann es. Ein schlagfertiger Schlagabtausch, aus dem eine stetige Verbindung wuchs. Er bestellte wieder. Stets maßgeschneidert. Und ich begann unweigerlich zu analysieren, warum ausgerechnet er, der einst in zerrissenen, grellen Hemden und mit Sicherheitsnadeln die Gesellschaft brüskierte, nun nach genau dieser, unserer Ästhetik suchte. Warum trägt John Lydon heute eigensinnig? Und warum dieses konsequente All-Black?

Ich habe oft darüber nachgedacht, abends, wenn es in der Werkstatt still wurde. Es ist ja beileibe nicht so, dass er dem Grellen abgeschworen hätte. Überhaupt nicht. John liebt die Farbe nach wie vor, das krachende Karomuster, den visuellen Lärm seiner Wurzeln. Warum also, fragte ich mich immer wieder, sucht er in meinen Entwürfen dieses vollkommene, bodenlose Schwarz?

Deine Kleidung verkleidet mich nicht, sie ergänzt mich. - John Lydon

Gewissheit brachte schließlich erst der Videocall, der unsere Arbeit für die Tour 2026 besiegeln sollte. Statt pragmatischer Absprachen entspann sich ein unerwartet langer, ungefilterter Austausch. Wir sprachen viel, lachten und warfen uns die Gedanken hin und her. Er trug eine dunkle Sonnenbrille – ein medizinisches Zugeständnis, keine Rockstar-Pose. Doch erstaunlicherweise bildeten diese Gläser keinerlei Barriere. Wenn er lachte oder aufmerksam zum Bildschirm lauschte, spürte man die wachen Augen dahinter förmlich. Der laute Mythos fiel ab und gab den Blick auf den Menschen frei: Da blitzte eine verletzliche, fast kindliche Neugier auf, die sich im nächsten Sekundenbruchteil mit einer scharfsinnigen, melancholischen Tiefe mischte.

Er verdeckte seine Augen und offenbarte sich dennoch völlig. Irgendwo zwischen seinem rauen Lachen und den unerwartet leisen Tönen wurde mir klar: Hier harmonierten zwei Geister. Wir verstanden uns instinktiv, ohne große Erklärungen. Es fühlte sich einfach tief und wahrhaftig stimmig an.

Johnny Rotten von Public Image Ltd. und Toni Rotbart-Woldrich von eigensinnig wien

Vielleicht war es genau das: die stumme, absolute Verweigerung. Die Welt da draußen verlangt von der Ikone Johnny Rotten wahrscheinlich ununterbrochen das Spektakel, das Schrille, den ewig bunten Lärm vergangener Tage. Dem nicht nachzugeben, das Erwartbare einfach auszuknipsen – was könnte eigensinniger sein? Schwarz brüllt nicht, es hat das nicht nötig. Es verzichtet auf jede Anbiederung, buhlt nicht um Aufmerksamkeit und bedient um Himmels willen keine Nostalgie. Es ist kompromisslos tief. Souverän.

Und dann die Weite. Als ich diese überdimensionierten Hosen designte, die Schultern der Jacken abfallen ließ, spürte ich: Einem Mann mit einer derart unbändigen, fast rohen geistigen Energie darf man keine Grenzen setzen. Jedes modische Korsett wäre absurd, eine Beleidigung für seinen Verstand. Er braucht schlichtweg Platz. Diese unkonventionellen Oversize-Formen sind für ihn kein Stilmittel, sie sind eine Notwendigkeit. Raum, um atmen zu können. Raum, um auf der Bühne auszuholen, zu toben, den Geist von der Leine zu lassen.

Die Fertigung: Akribisches Handwerk und pure Leidenschaft. Naht für Naht wanderten die Stoffbahnen durch die Maschine, maßgeschneidert, nur für ihn. Um diesen unsichtbaren Pakt zu besiegeln, nähten wir in jedes Kleidungsstück eine kleine, persönliche Signatur ein – ein verdecktes Zeichen meiner Wertschätzung. Als die Stücke vollendet waren, faltete ich das weiche, schwere Schwarz zusammen. Ich verpackte die Kleidung in raschelndes Seidenpapier und legte die Bündel behutsam in einen großen Reisekoffer.

Ich trinke stilles Wasser mit der Punk-Ikone Johnny Rotten. - Toni Rotbart-Woldrich

Der Tag der Anreise. London empfing mich mit seinem ewigen, unruhigen Puls. Als ich vor Johns Wohnungstür stand, spürte ich mein eigenes Herz schlagen. Eine seltsame Mischung aus Demut und Anspannung. Was, wenn die vermeintliche Nähe in der physischen Realität zerfiel?

Johnny Rotten Puppe und John Lydon und Toni Rotbart-Woldrich von eigensinnig wien im Interview

Ich klopfte. Die Tür öffnete sich. Und da stand er. Kein Mythos, keine Kunstfigur von alten Postern und Platten, sondern ein Mensch. Unser erster Blickkontakt war durchdringend, wach, prüfend – und dann sofort warm. Er trat auf mich zu und wir umarmten uns. Eine kurze, ehrliche Umarmung, die alle Distanz der vergangenen Monate mit einem Schlag auflöste. „Ich habe Cola“, knurrte er zur Begrüßung in seiner typischen Manier, während er mich hereinbat. „Oder Whisky. Etwas anderes gibt es hier nicht.“ Ich lehnte dankend ab und bat um ein Glas Wasser. Er lachte auf. Und so saß ich wenige Minuten später in seinem Wohnzimmer und dachte ungläubig: Ich trinke stilles Wasser mit der Punk-Ikone Johnny Rotten.

Mehrere Stunden war ich bei ihm. Die Zeit verlor ihre Konturen. Das schwarze Papier knisterte unter seinen Händen, als er die Outfits auspackte. Wir redeten, während er die Hosen und Jacken überzog. Wir sprachen über Kunst, Mode, Musik, Gesellschaft. Sein Lachen füllte den Raum – raukehlig, ungefiltert, echt. Dann zog er das weite, schwarze Sakko über, trat vor den Spiegel und strich über den Kragen. Die weichen und doch markanten Formen nahmen seine Haltung auf, ließen seiner kantigen Seele allen Platz, den sie benötigte. Er betrachtete sein Spiegelbild. Das Lachen verebbte, seine Züge wurden weich, fast verletzlich in ihrer Ernsthaftigkeit.

„Deine Kleidung verkleidet mich nicht“, sagte er leise, mit einer Sanftheit, die man diesem Mann kaum zutraut. „Sie ergänzt mich.“

Der Nachmittag war unmerklich fortgeschritten, und das fahle Londoner Licht fiel längst flacher durch die Fenster, als dieser Austausch sein natürliches Ende fand. Ganz unvermittelt, mit jener herrlich unprätentiösen Trockenheit, die all sein Tun durchzieht, durchbrach John die Ruhe. „Nun denn“, knurrte er. „Ich brauche jetzt einen Powernap.“

Es bedurfte keiner höflich gedrechselten Phrasen, keines künstlichen In-die-Länge-Ziehens. Kein Mythos, der eine Pose wahren musste, sondern ein Mensch, der in sich ruhte. Wir verabschiedeten uns, umarmten uns. Kurz bevor ich ging, drückte er mir noch etwas in die Hand: seine Johnny-Rotten-Puppe.

Ich blickte auf die kleine Figur hinab und spürte, wie sich ein tiefes Lächeln in mir ausbreitete. Es gab wohl kaum ein treffenderes Symbol für diese Begegnung. Er überreichte mir das Relikt, diese grelle, zornige Ikone seiner Vergangenheit – jene festgefrorene Kunstfigur, die die Welt da draußen so oft noch in ihm sehen möchte. Im Gegenzug ließ ich ihm das stille Schwarz da. Die Kleidung, in der der wahre, gegenwärtige John Lydon atmen kann.

Inzwischen hat seine Tour begonnen. Am 23. Mai 2026 wird er mit Public Image Ltd. hier in Wien auf der Bühne stehen. In meiner Stadt. Und wenn an jenem Abend der Applaus aufbrandet und sich die unruhigen Scheinwerfer auf ihn richten, wird das gleißende Licht auf seine Kleidung treffen. Er wird eigensinnig tragen.

Toni Rotbart-Woldrich
eigensinnig wien

 

Website Public Image Ltd: www.pilofficial.com

Video und Schnitt: Anna Dimitrijevic / vinmax.at
Fotografie: Christian Skalnik / www.christianskalnik.at

John Lydon und Toni Rotbart-Woldrich von eigensinnig wien bei der Anprobe der Outfits in London