Unsere Gegenwart hat eine eigentümliche Vorliebe für das Glatte.
Man begegnet ihr in den fugenlosen Glasfassaden moderner Stadtzentren, in der berechneten Symmetrie digitaler Bilder und in den makellos gebügelten Konfektionsanzügen der Geschäftswelt. Alles scheint optimiert, auf Fehlerfreiheit getrimmt und restlos versiegelt. Doch diese permanente Perfektion ermüdet das Auge. Sie ist steril. Ein Raum ohne Schatten lässt keine Tiefe zu; eine Form ohne Bruch bietet dem Charakter keinen Platz zum Atmen.
Gegen diese architektonische und gesellschaftliche Glätte formiert sich seit jeher ein leiser, aber beharrlicher Widerstand. In der japanischen Philosophie findet er seinen Ausdruck im Wabi-Sabi – der tiefen ästhetischen Wertschätzung des Unvollkommenen, des Vergänglichen und des Rauen. Es ist die Akzeptanz, dass nichts in dieser Welt vollendet ist.

Wabi-Sabi oder warum die Avantgarde den Makel zelebriert
Der japanische Schriftsteller Jun’ichirō Tanizaki hat diese Haltung in seinem Essay Lob des Schattens meisterhaft in Worte gefasst. Er beschreibt darin beinahe zärtlich, wie Gegenstände – sei es Silber, Holz oder Jade – erst dann ihre wahre Schönheit entfalten, wenn der Glanz des Neuen verblasst ist. Er spricht vom „Glanz des Gebrauchs“, von jener feinen Patina, die durch die Berührung menschlicher Hände über die Jahre entsteht. Diese Ästhetik des Unperfekten zieht sich durch alle Disziplinen, die uns im Innersten berühren: Wir hören die knarzende, vom Leben ruinierte Stimme eines Tom Waits lieber als den makellos errechneten Pop-Song, weil uns erst der Riss in der Stimme an unsere eigene Menschlichkeit erinnert. Auch die Kunstrichtung der Arte Povera wandte sich bewusst vom elitären Marmor ab, um die raue Ehrlichkeit von Filz, Holz und Eisen zu suchen.
„Wahre Eleganz liegt nicht im Makellosen. Sie liegt in der Souveränität, mit der wir unsere Brüche tragen.“
Wabi-Sabi und Avantgarde Mode
Avantgarde Mode als stille Rebellion
Genau an dieser Schnittstelle von Ästhetik und stummer Rebellion operiert die Avantgarde-Mode. Wer Kleidung bloß als Funktion oder als Statussymbol begreift, strebt nach der Symmetrie. Doch die symmetrische Passform ist letztlich stets eine Uniform – sie schließt den Menschen ein. Die asymmetrische, dekonstruierte Mode hingegen öffnet ihn.
Ein asymmetrischer Schnitt, ein verschobener Kragen oder eine offene, ungesäumte Kante – im Englischen treffend „Raw Edge“ genannt – sind keine Fehler im Entwurf. Sie sind bewusste Leerstellen. Sie suggerieren, dass ein Kleidungsstück nicht der Schlusspunkt eines Prozesses ist, sondern ein fortlaufender Dialog.
Raw Edges und die Disziplin des Unvollkommenen
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass gerade die Entwurfsarbeit des Unvollkommenen die höchste Form der Disziplin verlangt. Eine offene Kante so zu setzen, dass sie organisch ausfranst, ohne dabei die Statik des Kleidungsstücks zu gefährden, duldet keine Nachlässigkeit. In unserem Wiener Maßatelier begegnen wir dieser Paradoxie mit profunder Handwerkskunst. Geleitet von einer Schneidermeisterin, die ihr Metier seit vier Jahrzehnten featuriert, wird der augenscheinliche Bruch zur sartorialen Präzisionsarbeit. Man muss die strengen Regeln der klassischen Schneiderei in all ihren Tiefen beherrschen, um sie ästhetisch und souverän auflösen zu können.


Naturstoffe als materielle Manifestation von Wabi-Sabi
Diese Haltung erfordert Materialien, die sich dem Perfektionismus ebenso verweigern wie ihre Träger. Bei eigensinnig wien verarbeiten wir daher Naturstoffe, die ein Eigenleben führen. Schweres, flämisches Leinen etwa ist die materielle Manifestation von Wabi-Sabi. Es lässt sich nicht in eine glatte Form zwingen. Es knittert, es bricht und es wehrt sich gegen die Hitze des Bügeleisens. Mit jedem Tragen wird es weicher, es speichert die Bewegungen und oxidiert gewissermaßen am Körper. Es nimmt die Zeit auf, anstatt sie zu leugnen.