DAS NEUE EIGENSINNIG: DER X-TE CHARAKTER ALS PASSIVE PHANTASIE UNAUSGEFÜLLTER RÄUME

Der von Robert Musil geprägte Begriff des „zehnten Charakters“ (lesen Sie dazu unseren Essay) ist der literarische Ausgangspunkt für die Art und Weise, wie eigensinnig sich diesen Herbst zeigt: Definiert als „passive Phantasie unausgefüllter Räume“ hebt sich dieser zehnte Charakter von anderen Zuschreibungen, Eigenschaften und Rollen ab, über die sich der Mensch in der Gesellschaft identifiziert. Was macht den Menschen aus abgesehen von seinem Beruf, seinem Aussehen, seiner Herkunft, seinem Status, seinen Beziehungen? Was bleibt, wenn alle Rollen wegfallen? Weil es sicherlich mehr als neun dieser Zuschreibungen gibt, nehmen wir uns die Freiheit, den zehnten Charakter des 21. Jahrhunderts als x-ten Charakter zu bezeichnen.

Der x-te Charakter, wie wir ihn verstehen, ist etwas Undefinierbares, stets in Bewegung Seiendes – eine eigensinnige Hommage an den Konjunktiv. Etwas, das sich nicht greifen, analysieren oder kategorisieren lässt und das dennoch da ist, spürbar und lebendig mit einem zwar unhörbaren, aber dennoch kräftigen Herzschlag. Ba-dam. Der x-te Charakter macht eine Person zu einem Individuum. Unteilbar, eindeutig und dennoch stets im Austausch mit der Welt, die in ihn hinein- und wieder hinausfließt. Der x-te Charakter ist, als „passive Phantasie“, geprägt durch den Möglichkeitssinn, der im Gegensatz zum Wirklichkeitssinn nicht sagt: „Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muß geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müßte geschehen“, schreibt Musil. Der x-te Charakter als mögliche Eigenschaft des Möglichkeitsmenschen, ausgestattet mit einem Möglichkeitssinn, ist das neue Programm von eigensinnig wien.

 

 


DAS NEUE INTERIEUR: VIEL ZWISCHEN, VIELE KONJUNKTIVE UND EIN SCHWARZ-TOTER BAUM ALS MAHNENDER KOMMENTAR

So wie jeder Baum im Wald für sich steht und keinem anderen gleicht, so verhält es sich auch mit den Unikaten im eigensinnig: Jedes davon ist eigenständig und dennoch Teil von etwas Größerem. So wie die Bäume über das Wood Wide Web miteinander unterirdisch verbunden sind, so sind die eigensinnigen Unikate verbunden durch den leeren Raum zwischen ihnen, der unsichtbar bleibt. Transparent wie eine Nährflüssigkeit, die sich nicht liquid, sondern wie ein kaum wahrnehmbarer, frischer Duft verhält, der aber auch Tiefen hat, die man ihm im ersten Moment nicht zutrauen würde. Ein unsichtbarer Raum, der dennoch so vieles enthält, das man spüren aber nur schwer definieren kann. Es sind die Ideen und Gedanken aus Philosophie, Psychologie, Soziologie, Kultur und den schönen Künsten, die das theoretische und ästhetische Fundament von eigensinnig bilden. Nie war eigensinnig nur Mode, immer war es auch etwas anderes. Eine Atmosphäre von Einzigartigkeit liegt im Raum, und jedes Stück trägt diese Atmosphäre in sich und überträgt sie auf den Träger oder die Trägerin, die das Unikat ihrerseits wiederum mit Eigenem anreichern. Ba-dam.

 

Wie kleine Kunstwerke, die sie in diesem Sinne auch sind, hängen die Unikate von der hoch gewölbten Decke. Der neue Showroom versteht sich daher auch als Galerie und Bühne; ein sanft in alle Richtungen ausschlagender Hybrid. Man kann hindurchflanieren, die Eigensinnigkeiten auf sich wirken lassen, darf sie aber auch berühren, anprobieren und sich aneignen.

 

Der schwarz-tote Baum, der eigentlich ein dicker Ast ist, auf dem schwarz gefärbte Lederstücke wohnen, ist der stille Beobachter im Raum. Er weckt Assoziationen zu den Waldbränden, die nicht erst diesen Sommer so wild gewütet haben. Die Feuerschale, die neben dem Baum haben wir mit Wasser gefüllt. Wie ironisch, dass sich Feuer mit Wasser löschen lässt. Und dass sich die immer häufiger und intensiver werdenden Überschwemmungen und Waldbrände niemals räumlich und zeitlich überschreiten. Wann sickert die Dringlichkeit endlich in unsere Herzen und Köpfe? Wie viel „Eco-Anxiety“ und „Climate Grief“ – Begriffe, die die Klimaforscherin Jennifer W. Atkinson geprägt hat – muss noch um sich greifen? „Ändert sich nichts, ändert sich alles“, hat die Klimaaktivistin und Sprecherin des Klimavolksbegehrens Katharina Rogenhofer ihr Buch betitelt.


DIE NEUE EIGENSINNIG KOLLEKTION:
HOCH LEBE SCHWARZ, DIE MÖGLICHKEITSFARBE

 

Die neue Herbst-Winter-Kollektion ist eine radikale Hommage an Schwarz, die Kernfarbe von eigensinnig wien. So wie der Musilsche Möglichkeitsmensch einen Möglichkeitssinn hat, so ist Schwarz die Möglichkeitsfarbe schlechthin: In ihr kann man sehen, und auch nicht sehen, was man möchte. Sie ist Möglichkeitsraum, in ihr wohnen ganze Welten. Die neue Kollektion kommt aber auch in Anthrazit und Grau daher, Farben, die wir als etwas hellere Nuancen von Schwarz interpretieren wollen. So sind auch sie Möglichkeitsfarben.


Die neue Kollektion versteht sich, da sie ja zu Form gewordene Idee ist, als ästhetische Verschmelzung von Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn. So vereinigt sie wieder Widersprüche in sich – von Realität und Utopie, Verspieltheit und Strenge, Männlichkeit und Weiblichkeit, Ecken und Kreisen, Dekonstruiertem und Wieder-neu-Zusammengesetztem. Sie ermöglicht den Träger:innen, ihre gesellschaftliche Wirklichkeit zu produzieren, die im Sinne des x-ten Charakters niemals eindeutig bleibt. Die drei ockerfarbenen Striche, die nun jedes neue eigensinnige Unikat zieren, weisen auf diese Uneindeutigkeit hin: Niemals ist etwas ein Entweder-Oder, immer schlummern darin auch andere Möglichkeiten, die sich verwirklichen können, aber nicht müssen: Phantasie darf auch passiv bleiben. Ba-dam.

Lesen Sie auch unsere Hommage an die dunkelste aller Farben.

 

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Black is poetry without words.

 

EIGENSINNIG WIEN